Samstag, 30. Januar 2016

Reisealtar




Wenn ich unterwegs bin, errichte ich gerne einen Reisealtar. Er unterstützt mich in der Aneignung des fremden Raums. Die gelegentliche Rückverbindung, das Erspüren der eigenen Mitte scheint mir angesichts der vielen neuen Eindrücke auf Reisen besonders wertvoll. Der Reisealtar dient mir dabei als Erinnerungsstütze und Fokuspunkt, aber auch als Weg das Erlebte zu verarbeiten, indem ich ihn durch unterwegs aufgelesene Opfergaben in Dialog mit meiner Umwelt treten lasse.

Dienstag, 29. Dezember 2015

Verwandelte Bücher




Aufgrund meiner Bibliophilie bringe ich es kaum über's Herz Bücher zu entsorgen. Da sie mir jedoch auch als Staubfänger im Regal unpassend erscheinen, hauche ich nicht mehr benutztem Schriftgut als Skizzenbücher neues Leben ein. Für meinen Geschmack haben Bücher als Grundlage verschiedene Vorteile: Die Blockade, welche leeres Papier in mir auslösen kann, fällt weg. Stattdessen trete ich bei meinem kreativen Schaffen in einen Dialog mit dem vorgefundenen Text, lasse mich von einzelnen Wörtern und Sätzen inspirieren oder erfreue mich am Einfluss des Layouts auf meine Bildkomposition.

Montag, 28. Dezember 2015

Authentizität und Verschleierung

Eklektische Neuheiden entscheiden sich für ihre Glaubensinhalte und Praktiken gemäss eines Empfindens innerer Resonanz. Diese Form der Selbst-Validierung hat ihre Tücken: Sie verschleiert die gesellschaftliche und geschichtliche Einbettung von scheinbar individuellen, frei gewählten Vorstellungen. Die gefühlterweise bestätigte Authentizität birgt die Gefahr der Unhinterfragbarkeit enthistorifizierter Ideen.

Donnerstag, 26. November 2015

Metanarrativ

Das eklektische Neuheidnentum stellt meiner Meinung nach den Verzicht auf ein übergeordnetes Einheitsprinzip dar. Was Loki gefällt, muss nicht notwendigerweise auch in Themis' Sinne sein. Die grossen Erzählungen wie die christliche Erlösungslehre oder der aufklärerische Fortschritt zur rationalen Gesellschaft fallen weg. Übrig bleiben partikuläre, inkommensurable Weltbilder von denen keines einen absoluten Wahrheitsanspruch stellen kann. Nicht die universale Wahrheit wird gesucht, sondern ein Sichtweise gewählt, die zu diesem Zeitpunkt für das Individuum passt.

Mittwoch, 25. November 2015

Fiktionale Gottheiten




Es gab eine Zeit da war ich begeisterte Papier-und-Stift-Rollenspielerin. In unserer Spielwelt gab es ein Pantheon fiktionaler Gottheiten deren Eigenschaften und erfundene Mythen mir wesentlich präsenter waren als diejenigen der historisch verehrten Götter. Entsprechend näher fühlte ich mich ihnen und sie waren es auch, die erstmals den Wunsch zur rituellen Interaktion mit derartigen Entitäten aufkeimen liessen.

Warum sollten traditionelle Überlieferungen - die womöglich von vielfältigen Interessen korrumpiert wurden - für eklektische Neuheiden von grösserer Relevanz sein als zeitgenössische Erzählungen oder Eigenkreationen?

Sicherlich erschweren oder verunmöglichen ideosynkratische Schöpfungen den Austausch mit Gleichgesinnten. Die Entitäten und ihre Mythen können eindimensionaler ausfallen, das Eintauchen in die vielschichtige Geschichte der Gottheit fällt weg. Doch scheint es mir selbstbetrügerisch die kulturelle Einbettung moderner Fiktion zu verleugnen; Auch die Erzählungen unserer Zeit sind nicht völlig neu, sondern haben unter Umständen weitreichende Wurzeln, die wir ergründen können. Eigenkreationen lassen womöglich tiefe Einblicke in die Psyche der Urheberin zu, von der Freude beim Spinnen der Mythen ganz abgesehen.

Verschiedene Sichtweisen der Beschaffenheit des Seienden lassen unterschiedliche Begründungen für die Wirkkraft "fiktionaler" Gottheiten zu:
Wenn die Götter ihren Einfluss auf die Welt der Menschen ihren Anhängern verdanken, scheint der Rückgriff auf populärkulturelle Erscheinungsformen naheliegend. Die Akteure zeitgenössischer Erzählungen sind in der Regel um einiges gegenwärtiger als die fast vergessenen Wesenheiten weit zurückliegender Epochen.
Wobei der Umstand weitestgehend fehlender Überlieferung Neuheiden nicht davon abhält für historisch verbürgte Gottheiten wie zum Beispiel Artio neue Attribute zu erfinden. Ähnlich die neuheidnische Praktik lokalen Gottheiten, deren Namen und Charakteristiken in Vergessenheit geraten sind, neues Leben einzuhauchen. Ein bekanntes Beispiel dafür wäre Nolava, die Göttin von Avalon in der Glastonbury Göttinnen Tradition. Zugrundeliegend sehe ich die Überlegung, dass (angenommenerweise) vorhandene Entitäten durch unsere Benennung und Schaffung eines Gesichtes ansprechbar werden. Warum sollte man sich dabei auf Götter des Landes beschränken?
Wenn die Götter als Teil unserer Psyche gesehen werden, scheint die eigenmächtige Schöpfung als Ausdruck unseres Innersten offensichtlich potent. Vergleichbar steht es um Sichtweisen, welche den Einfluss der Phantasie auf das Seiende als unterschätzt wahrnehmen oder die Erkennbarkeit der Wirklichkeit grundsätzlich verneinen.

Samstag, 31. Oktober 2015

"Naturreligion"


Meine Abneigung gegen die Bezeichnung des Neuheidentums als "Naturreligion" entspringt verschiedenen Überlegungsansätzen.
Zunächst scheint mir der Naturbegriff aus Philosophischer Perspektive grundlegend problematisch: Was ist Natur? Wogegen grenzen wir das damit Bezeichnete ab? Die Landschaft in unseren Breitengraden ist stark kulturell geformt, unberührte Natur gibt es hier nicht. Aber nicht nur die Natur ist kulturell geformt, sondern auch unsere Wahrnehmung: Wenn wir zum Beispiel von der Mondin und ihrer Verbindung zum Element Wasser oder dem Weiblichen sprechen, ist das nicht eine "natürliche" Sichtweise.
Während in vielen Strömungen des Neuheidentums der Bezug auf die Natur von grosser Wichtigkeit ist, gilt dies doch längst nicht für alle Traditionen. Meines Erachtens vernachlässigt die Kategorisierung als Naturreligion neuheidnische Ansätze die stärker rekonstruktionistisch, psychologisch oder urban ausgerichtet sind. 
Unter dem Oberbegriff Naturreligion werden ausser dem westlichen Neuheidentum auch afrikanische Kulte und südamerikanischer Schamanismus verortet, was mir viel zu undifferenziert scheint, als dass die Kategorie von Nützlichkeit sein könnte. Darüber hinaus romantisiert die Bezeichnung in problematischer Weise; implizit wird unterstellt, dass diese religiösen Phänomene der Natur näher stünden oder gar natürlicher wären, was den Blick auf ihre kulturelle Komplexität verschleiert. Gerade für aussereuropäische Religionen scheint mir dieser Ausdruck leicht zur Projektionsfläche unserer Vorstellung von edlen Wilden zu werden.

Donnerstag, 29. Oktober 2015

Ahnen

Ahnen, ich ehre euch.
Ich ehre diejenigen, die vor mir auf diesem Weg gegangen sind.

Ahnen, ich danke euch,
für die Pfade, die ihr ins Dickicht der Zeit geschlagen habt.
Pfade auf denen auch ich heute gehe.

Ahnen, ich ehre euch.
Ich ehre diejenigen, die vor mir auf diesem Weg gegangen sind.
Ich ehre diejenigen, die deutliche Fussabdrücke hinterlassen haben.
Ich ehre diejenigen, deren Spuren vom Lauf der Zeit verwischt worden sind.

Ahnen, ich ehre euch.
Ich ehre die Feuerräuberinnen, die Fackelträger,
die Beschützerinnen der Herdfeuer,
ich ehre diejenige, die mit dem Feuer spielen,
ich ehre die Erleuchteten.

Ahnen, ich ehre euch.
ich gedenke der Seen von Tränen, die ihr geweint habt,
der Ströme von Blut, die ihr vergossen habt,
ich gedenke den Sturzbächen der Lust in euren Schössen,
und den Flüssen von süsser Milch, die euch nährte.

Ahnen, ich ehre euch.
Mutter Erde, ich ehre dich,
in deren Körper meine Ahnen ihre Pfade pflügten,
Pfade auf denen ich heute gehe,
bis auch mein Körper wieder zu Erde wird.

Ahnen, ich ehre euch.
Ich gedenke dem Wispern im Wind, der Stimmung in der Luft,
der Inspiration auf leisen Schwingen.
Ahnen, ich gedenke euch.
Möge mein Gebet für Verbindung sorgen.