Dienstag, 23. Februar 2016

Jahreskreisfeste und Umwelt

Mein Erleben der Jahreszeiten die sich vor meiner Haustür abspielen, unterscheidet sich nicht wesentlich von den Beschreibungen, wie sie sich in neuheidnischen Texten zu den Jahreskreisfestern finden. In der Auseinandersetzung mit der englischsprachigen neuheidnischen Youtubegemeinschaft wurde mir klar, dass eine Übereinstimmung der Geschehnisse in der umgebenden Natur mit den dominanten Assoziationen der Jahreskreisfester für viele Regionen der Welt alles andere als selbstverständlich ist. Die folgenden Strategien im Umgang mit dieser Diskrepanz sind mir aufgefallen:

Neuheiden, die auf der südlichen Hemisphäre beheimatet sind, ist es üblich die Jahreskreisfester um ein halbes Jahr vorzuverlegen, so dass zum Beispiel zur Zeit der Wintersonnenwende im Norden, entsprechend der astronomischen Realität auf der Südhalbkugel Litha gefeiert wird. Unpraktischerweise bedeutet dieser Umstand für die südlichen Neuheiden, dass Fester wie Jul, Ostara und Samhain, welche ein populäres, kulturell verankertes Gegenstück haben, nicht mit diesen gesellschaftlichen Feiertagen zusammen fallen. Sich von der allgegenwärtigen Weihnachtsstimmung für die eigene Julfeier inspirieren zu lassen, scheint nicht nur unter Neuheiden mit Jahreszeitenvorstellungstechnisch herausfordernder Umwelt eine verbreitete Strategie zu sein. Gelegentlich findet eine Beschränkung auf die oben genannten drei Fester statt, in anderen Fällen scheinen den Neuheiden ohne übereinstimmendes Vegetationsgeschehen die vier Sonnenfester besonders relevant. Und für manche Neuheiden spielt das Konzept der Jahreskreisfester als Ganzes eine geringe Rolle.
Eine andere Strategie ist die Verinnerlichung der Assoziationen der Jahreskreisfester: An die Stelle der Frühlingsstimmung die durch Schneeglöckchen und Krokusse genährt wird, tritt die Konzentration auf psychische und lebensbezogene Vorgänge, also beispielsweise das Ende des winterlichen Rückzugs und "sähen" neuer Projekte.
Wenn die natürliche Umgebung nicht den von Büchern beschriebenen Prozessen entspricht, können die jahreskreisfestlichen Assoziationen natürlich auch an die Lebenswirklichkeit angepasst werden.


Montag, 1. Februar 2016

Bridie Puppe



Zu Imbolc bastle ich mir eine Bridie Puppe. In diesem Akt ehre ich meine Kreativität und verwandle alte Stoffstücke in ein irdisches Gefäss für die Göttin. Puppen können mehr sein als "nur" Spielzeug.

Samstag, 30. Januar 2016

Reisealtar




Wenn ich unterwegs bin, errichte ich gerne einen Reisealtar. Er unterstützt mich in der Aneignung des fremden Raums. Die gelegentliche Rückverbindung, das Erspüren der eigenen Mitte scheint mir angesichts der vielen neuen Eindrücke auf Reisen besonders wertvoll. Der Reisealtar dient mir dabei als Erinnerungsstütze und Fokuspunkt, aber auch als Weg das Erlebte zu verarbeiten, indem ich ihn durch unterwegs aufgelesene Opfergaben in Dialog mit meiner Umwelt treten lasse.

Dienstag, 29. Dezember 2015

Verwandelte Bücher




Aufgrund meiner Bibliophilie bringe ich es kaum über's Herz Bücher zu entsorgen. Da sie mir jedoch auch als Staubfänger im Regal unpassend erscheinen, hauche ich nicht mehr benutztem Schriftgut als Skizzenbücher neues Leben ein. Für meinen Geschmack haben Bücher als Grundlage verschiedene Vorteile: Die Blockade, welche leeres Papier in mir auslösen kann, fällt weg. Stattdessen trete ich bei meinem kreativen Schaffen in einen Dialog mit dem vorgefundenen Text, lasse mich von einzelnen Wörtern und Sätzen inspirieren oder erfreue mich am Einfluss des Layouts auf meine Bildkomposition.

Montag, 28. Dezember 2015

Authentizität und Verschleierung

Eklektische Neuheiden entscheiden sich für ihre Glaubensinhalte und Praktiken gemäss eines Empfindens innerer Resonanz. Diese Form der Selbst-Validierung hat ihre Tücken: Sie verschleiert die gesellschaftliche und geschichtliche Einbettung von scheinbar individuellen, frei gewählten Vorstellungen. Die gefühlterweise bestätigte Authentizität birgt die Gefahr der Unhinterfragbarkeit enthistorifizierter Ideen.

Donnerstag, 26. November 2015

Metanarrativ

Das eklektische Neuheidnentum stellt meiner Meinung nach den Verzicht auf ein übergeordnetes Einheitsprinzip dar. Was Loki gefällt, muss nicht notwendigerweise auch in Themis' Sinne sein. Die grossen Erzählungen wie die christliche Erlösungslehre oder der aufklärerische Fortschritt zur rationalen Gesellschaft fallen weg. Übrig bleiben partikuläre, inkommensurable Weltbilder von denen keines einen absoluten Wahrheitsanspruch stellen kann. Nicht die universale Wahrheit wird gesucht, sondern ein Sichtweise gewählt, die zu diesem Zeitpunkt für das Individuum passt.

Mittwoch, 25. November 2015

Fiktionale Gottheiten




Es gab eine Zeit da war ich begeisterte Papier-und-Stift-Rollenspielerin. In unserer Spielwelt gab es ein Pantheon fiktionaler Gottheiten deren Eigenschaften und erfundene Mythen mir wesentlich präsenter waren als diejenigen der historisch verehrten Götter. Entsprechend näher fühlte ich mich ihnen und sie waren es auch, die erstmals den Wunsch zur rituellen Interaktion mit derartigen Entitäten aufkeimen liessen.

Warum sollten traditionelle Überlieferungen - die womöglich von vielfältigen Interessen korrumpiert wurden - für eklektische Neuheiden von grösserer Relevanz sein als zeitgenössische Erzählungen oder Eigenkreationen?

Sicherlich erschweren oder verunmöglichen ideosynkratische Schöpfungen den Austausch mit Gleichgesinnten. Die Entitäten und ihre Mythen können eindimensionaler ausfallen, das Eintauchen in die vielschichtige Geschichte der Gottheit fällt weg. Doch scheint es mir selbstbetrügerisch die kulturelle Einbettung moderner Fiktion zu verleugnen; Auch die Erzählungen unserer Zeit sind nicht völlig neu, sondern haben unter Umständen weitreichende Wurzeln, die wir ergründen können. Eigenkreationen lassen womöglich tiefe Einblicke in die Psyche der Urheberin zu, von der Freude beim Spinnen der Mythen ganz abgesehen.

Verschiedene Sichtweisen der Beschaffenheit des Seienden lassen unterschiedliche Begründungen für die Wirkkraft "fiktionaler" Gottheiten zu:
Wenn die Götter ihren Einfluss auf die Welt der Menschen ihren Anhängern verdanken, scheint der Rückgriff auf populärkulturelle Erscheinungsformen naheliegend. Die Akteure zeitgenössischer Erzählungen sind in der Regel um einiges gegenwärtiger als die fast vergessenen Wesenheiten weit zurückliegender Epochen.
Wobei der Umstand weitestgehend fehlender Überlieferung Neuheiden nicht davon abhält für historisch verbürgte Gottheiten wie zum Beispiel Artio neue Attribute zu erfinden. Ähnlich die neuheidnische Praktik lokalen Gottheiten, deren Namen und Charakteristiken in Vergessenheit geraten sind, neues Leben einzuhauchen. Ein bekanntes Beispiel dafür wäre Nolava, die Göttin von Avalon in der Glastonbury Göttinnen Tradition. Zugrundeliegend sehe ich die Überlegung, dass (angenommenerweise) vorhandene Entitäten durch unsere Benennung und Schaffung eines Gesichtes ansprechbar werden. Warum sollte man sich dabei auf Götter des Landes beschränken?
Wenn die Götter als Teil unserer Psyche gesehen werden, scheint die eigenmächtige Schöpfung als Ausdruck unseres Innersten offensichtlich potent. Vergleichbar steht es um Sichtweisen, welche den Einfluss der Phantasie auf das Seiende als unterschätzt wahrnehmen oder die Erkennbarkeit der Wirklichkeit grundsätzlich verneinen.